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Viele Menschen im Kirchenkreis verzichten während der Passionszeit bewusst auf liebgewordene Dinge des Alltags. Süßigkeiten, Zigaretten, Alkohol und Fernsehen sind die beliebtesten Tabus in der Fastenzeit.
Sieben Wochen ohne Süßigkeiten. Oder ohne Zigaretten. Oder vielleicht sieben Wochen ohne Fernsehen, dafür mit vielen guten Büchern? Ohne Auto, dafür sieben Wochen mit dem Fahrrad fahren? Viele Menschen nehmen sich zwischen Aschermittwoch und dem Sonnabend vor Ostern bewusst eine Auszeit von ihrem gewohnten Alltag. Sie verzichten. Und zwar nicht, um sich zu ärgern. Sondern, um etwas dazu zu gewinnen. Sie gewinnen neue Zeit. Einen neuen Alltag. Mehr Gesundheit. Einen neuen Horizont. Die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ist Bestandteil des Kirchenjahrs (siehe Hintergrundtext unten). „Fasten bedeutet Verzicht und durch Verzicht wird das Leben konzentriert“, sagt Pastor Arne Findeisen aus der Thomas-Kirchengemeinde in Edendorf. Viele Menschen, führt der Theologe aus, haben ein Gespür dafür, dass Wohlstand und Überfluss träge machen können. Findeisen hat im vergangenen Jahr auf Alkohol verzichtet. Für dieses Jahr steht noch nicht fest, was er diesmal bewusst weglässt. In jedem Fall wird wieder ein Aufräum-Effekt entstehen, denn die Entgiftung betrifft nicht nur den Leib, sondern auch die Seele: „Großes wird groß und kleines wird klein. Überflüssiges wird entbehrlich. Wie oft vergeuden wir sonst viel Energie für Unwichtiges?Einige der jüngsten Teilnehmer der Fastenaktion gehen in die evangelischen Kindergärten in Münsterdorf und Breitenberg: Sie verzichten dort sieben Wochen lang auf Spielzeug. „Wir räumen das Spielzeug am Aschermittwoch gemeinsam weg“ erzählt Kita-Mitarbeiterin Yvonne Kaphingst, die die Aktion schon mehrere Male mit den Kindern begleitet hat. Bis Ostern bleiben die Spielsachen um Schrank. Einige Kinder sind im ersten Moment traurig, aber dann werden sie erfinderisch und suchen sich kurzerhand neue Sachen. „Die Kinder entwickeln eine große Kreativität“, hat die Pädagogin beobachtet. „Sie spielen zum Beispiel mit Papier, Kartons, Knöpfen und Joghurtbechern.“ Im vergangenen Jahr entstand auf diese Weise ein Papp-Roboter, der zur Ballwurfmaschine weiterentwickelt wurde. „Sieben Wochen ohne Spielzeug fördert die Fantasie“, sagt Yvonne Kaphingst. Für den Münsterdorfer Pastor Ralf Greßmann bedeutet der Verzicht eine Schärfung der Sinne. „Man bekommt das Herz frei für wesentliche Dinge“. Der Verzicht übt seiner Meinung nach auch auf nicht religiöse Menschen einen Reiz aus, da das allgemeine Bewusstsein geschärft werde, wenn nicht alles jederzeit zur Verfügung stünde. „Die Freudenzeit zu Ostern kann man danach umso mehr genießen“, sagt Pastor Greßmann.Für gläubige Christen ist beim Fasten die geistliche Dimension, die Beziehung zu Gott wichtig, nicht nur das eigene Wohlfühlen, betont Pastor Findeisen. „Fasten sollte kein Zwang sein, sondern aus der Freiheit in die Freiheit führen.“
Hintergrund: Passionzeit und Fasten
„7 Wochen ohne…“, die bundesweite Fastenaktion der evangelischen Kirche, bietet demjenigen, der in seinem Alltag etwas verändern möchte, einen Rahmen um bewusst auf eine Gewohnheit seiner Wahl zu verzichten. Jedes Jahr gibt es ein übergeordnetes Thema – in diesem Jahr ist es „Gut genug – 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Die Aktion wurde 1983 ins Leben gerufen und ist unter aktiven Christen wie auch unter kirchenferneren Menschen sehr populär. Doch das Fasten ist viel älter – so alt wie das Christentum selbst. Im Kirchenjahr gibt es hauptsächlich zwei Fastenzeiten: Die Adventszeit und den Zeitraum zwischen Aschermittwoch und Ostern, die Passionszeit. In der Passionszeit (Passion, lateinisch für „Leiden“) symbolisiert das Fasten die Besinnung auf den Leidensweg Jesu, der am Karfreitag am Kreuz gestorben ist. Fasten, also der Verzicht auf etwas, ist in der Geschichte der Christenheit eine Methode, sich zu besinnen. „Die ersten Christen kannten eine festgelegte Zeit des Fastens nicht“, erläutert Pastor Arne Findeisen aus der Thomas-Gemeinde in Edendorf. „Sie fasteten bei wichtigen Entscheidungen oder vor besonderen Aufgaben. Es ging darum, die Sinne zu schärfen und und innere Klarheit im Gebet zu gewinnen.“ Heute umfasst die offizielle Fastenzeit 40 Tage. Sie endet mit dem Fastenbrechen zu Ostern. Kirchengemeinden verarbeiten die Passionszeit, den Leidensweg Jesu, mit musikalischen Angeboten, Andachten und Ausstellungen. In der Itzehoer Thomasgemeinde etwa geht es in einer Andachtsreihe um das Thema „Der Gekreuzigte in Bildern Marc Chagalls“.


